Erfahrungen aus der analogen Fotografie

Vor einem guten Jahr fing ich an, mit einer über 50 Jahre alten analogen SLR-Kamera zu experimentieren. Anfangs eigentlich, weil ein Fotografie-Kurs nur speziell für Analogfotografie angeboten wurde, aber das hat ausgereicht, um meine Neugier zu wecken.

Einige Beobachtungen und Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gemacht habe:

Es kommt nicht auf die Auflösung an.

Ein gut gescanntes 35mm-Negativ hat zwischen 6 und 12 Megapixeln Auflösung. Das erscheint nicht besonders viel, reicht aber durchaus für schöne A3- (und auch darüber hinaus) Vergrößerungen. Von Instagram, Facebook und co. mal ganz zu schweigen.

Rauschen (aka. Filmkorn) ist nicht schlimm.

Ja, analoge Bilder rauschen. Die von einem ISO 400-Film mehr als bei ISO 100, und eingescannt kommt dieser Effekt nochmal mehr zur Geltung. Kann man versuchen wegzuweichzeichnen, aber dann wird das Bild unscharf. Gerade bei Schwarzweißbildern (aber auch in Farbe) gefällt mir das aber immer besser, die Fotos wirken damit häufig nicht so „poliert“ wie von (inzwischen wirklich praktisch rauschfreien) Digitalkameras.

Manuell Fokussieren macht Spaß.

Ohne Autofokus ist man auf sich und seine Augen und den Mikroprismenring der Mattscheibe im Sucher gestellt. Mit etwas Übung wird man darin sehr schnell und sehr präzise. Inzwischen verwende ich auch digital häufig und gern manuelle Objektive (Zeiss Loxia 2/50). Allerdings nicht immer:

Offenblende erschwert manuelles Fokussieren.

Bei offener Blende (f/1.7) muss man schon sehr genau hinschauen, um scharfe Bilder hinzukriegen. Schon gar nicht bei sich bewegenden Motiven, besonders Kinder sind da natürlich wenig kooperativ. Für solche Situationen ist dann doch ein halbwegs brauchbarer Autofokus gut.

Leichte Unschärfen und Filmkorn sieht man auf dem Abzug kaum.

Hat das mit dem Fokussieren mal nicht ganz 100% geklappt, ist es auch nicht so schlimm. Auf einem 13×18cm-Abzug sieht man praktisch keinen Unterschied. Genauso beim Rauschen (bzw. Korn), das auf dem Bildschirm schonmal sehr grob aussehen kann, gedruckt aber fast nicht mehr sichtbar ist.

Das mit dem Belichtungsumfang.

Negativfilm hat einen sehr hohen Belichtungsumfang, d.h. ein sehr hoher Bereich zwischen „hell“ und „dunkel“ wird abgedeckt. Das führt dazu, dass man Bilder mit hohem Dynamikumfang beim Entwickeln und Scannen häufig so hinziehen kann, dass sowohl in ganz hellen, als auch in ganz dunklen Bereichen noch etwas erkennbar ist – und dazu, dass eine 100% korrekte Belichtung nicht ganz so wichtig ist. Wenn ein Bild „ungefähr“ richtig belichtet ist, passt das schon.

Überbelichten und die Farben.

Manche Filme reagieren unterschiedlich auf Über- und Unterbelichtung. Ein Kodak Portra macht bei leichter Überbelichtung wunderschöne (Achtung, subjektiv!) Farben, andere Filme werden dann grell oder rosa. Jörg Bergs von MeinFilmLab hat das schön zusammengeschrieben.

Film Emulation Presets sind nur ein vager Versuch.

Presets wie die von VSCO versuchen, den „Look“ mancher Filmtypen für Digitalbilder nachzubilden. Das funktioniert manchmal erstaunlich gut, manchmal aber überhaupt nicht. Mit etwas Erfahrung mit Negativfilmen kann man diese Presets als Grundlage verwenden und mit kleinen Anpassungen gute Ergebnisse erreichen.

Weißabgleich wird im Labor gemacht.

Beim Scannen (oder Vergrößern) von Farbnegativen wird von guten Laboren meist eine Farbkorrektur vorgenommen, die Farbstiche ausgleicht und in einem gewissen Rahmen auch den Weißabgleich korrigiert. Die meisten Farbfilme sind für Tageslicht gemacht, d.h. fotografiert man bei Kunstlicht (abends!), haben die Bilder einen Orange-Stich. Der kann teilweise rauskorrigiert werden, aber nicht komplett – dunkle Bereiche bekommen dann u.U. einen Blau-Stich. ⇒ Farbfilter (80B) können da helfen.

Ein gutes Labor ist die halbe Miete.

Einen belichteten 35mm-Film kann man zum Drogeriemarkt um die Ecke bringen und entwickeln lassen, das passiert bei heutigen Filmen mit Standard-Prozessen und hat im Normalfall immer das gleiche Ergebnis. Beim Scannen wird es komplizierter. Die meisten Drogerien bieten eine günstige Foto-CD gleich mit der Entwicklung an, aber das Ergebnis ist meistens sehr enttäuschend (niedrige Auflösung, schlechte Farben). Es gibt aber gute Labore, die die Bilder nach der Entwicklung sorgfältig und mit gutem Equipment einscannen. Das ist nicht billig, lohnt sich aber und führt zu wirklich guten Scans in (je nach Kundenwunsch) sehr hoher Auflösung, inkl. Farb- und Kontrastanpassungen. In Deutschland gibt es MeinFilmLab  aber auch UK Film Lab (England), Carmencita Labs (Spanien) und Richard Photo Lab (USA) sind gerüchteweise sehr brauchbar.

Analoge Abzüge vom Drogeriemarkt sind keine.

Wenn man ein analoges Negativ zum Drogeriemarkt seines Vertrauens bringt und einen Abzug bestellt (wie früher, mit Kasterln zum Ankreuzen der Bildnummern), bekommt man noch lange kein „rein analoges“ Bild. Sowohl 1h-Services (die gibt es für analoge Bilder übrigens kaum noch) als auch Einschick-Services scannen das Negativ ein, wenden meist automatische Farbkorrekturen an, und drucken es mit einem Belichter wieder auf Fotopapier. Will man es rein analog haben (also mit Vergrößerer, Teststreifen und Stoppuhr), dann wird es richtig teuer, und ob das für Farbbilder überhaupt noch jemand macht, weiß ich gar nicht.

Man fotografiert „bewusster“.

Da man das Ergebnis nicht gleich sieht, man nicht wie bei der Digitalkamera rumprobieren kann, sondern alles beim ersten Versuch klappen muss, fotografiert man sehr viel bewusster. Das hat den überraschenden Effekt, dass die meisten Bilder gut werden, und:

36 Bilder sind wirklich viel.

Ein 35mm-Film hat meistens 36 Bilder. Die letzten 12 Bilder eines Films „vollzuknipsen“, damit man ihn einschicken kann, ist manchmal gar nicht so einfach.